Digitale Zukunft » Interview mit Christina Scherrer
Aktualisiert am 11.06.2021

Inspiration geben und unterhalten

Christina Scherrer ermittelt jetzt fix im Team des Österreich-„Tatort“. Exklusiv erzählt sie von Alltag und Zukunft zwischen Balkon und Bühne.

 

Aus ein und demselben Munde kommend, liefen kürzlich Sprüche über die Bildschirme wie „Denkst du, sie hat den Täter gekannt?“ oder „Raskolnikov verliert nach Woche 6 alles an die Pfandleiherin, dort darf man ja auch mit Abstand und ohne Härtefallfondsansprüche hin.“ Die erste Zeile erreichte über zehn Millionen Menschen und stammt aus dem neuen Österreich-Tatort „Die Amme“. Die zweite aus dem Lied „Kunst mit Abstand“ liegt hingegen bei knapp 600 Aufrufen auf YouTube. Die Stimme dazu kommt von der jungen Oberösterreicherin Christina Scherrer, Sängerin, Kulturaktivistin, Theater- und Filmschauspielerin.

Magie der Resonanz

Der Kultur-Lockdown belastet Christina Scherrer wie viele andere Freischaffende. „Theater hat die große Magie des gleichzeitigen Erlebens, dass man gemeinsam im Raum demselben Zauber beiwohnen darf“, sagt die Schauspielerin. „Es ist ganz tragisch, wenn du keine Resonanz hast.“ Der kleine Balkon ihrer Wiener Wohnung wurde vor einem Jahr zum Bühnenersatz. Woche für Woche kommentierte sie das Geschehen und schrieb sich von der Seele, was mit ihr los war, in Liedern wie „Kunst kunnst megn“, „Wann i amal stirb“ oder „Geht scho gemma Tauben vergiften“. Auf ihrem YouTube-Kanal versammelt sie ihre wütenden Protest- und morbide Wiener-Lieder, dazu freche Pop-Parodien und Lieblingsprojekte vergangener Jahre. Christina singt, blödelt und spielt Ukulele, flankiert von Tomatenstaude und Salatpflanzen.

Klarheit durch Kassandra

An Auftritte war nicht zu denken. Dabei wusste Christina Scherrer schon mit 14 Jahren: „Die Bühne muss es sein! Welche Form war noch offen, ob Gesang, Schauspiel, Sprechtheater.“ Während ihre Kolleginnen am Gymnasium Rohrbach etwa „Eternal Flame“ trällerten, begeisterte sie sich für Operngesang. Sie nahm fünf Jahre lang Unterricht als Mezzosopran, weiters an Violine und Klavier. Ab 2003 gehörte sie der MusicalTheatreAcademy in Puchenau bei Linz an. Klarheit für die 17-jährige brachte schließlich ein Jugendtheaterprojekt mit Prof. Günter Wolkerstorfer, „Die Troerinnen“ von Euripides. Der trojanische Krieg verloren, die Stadt zerstört, eine düstere Zukunft erwartet Trojas Frauen. Die schöne Königstochter Kassandra hat von den Göttern die Gabe der Weissagung erhalten, aber verbunden mit dem Fluch, dass ihr niemand glaubt. „Die Kassandra war immer eine meiner Lieblingsrollen,“ erinnert sich Christina Scherrer. „Der Ehrgeiz in der Aussichtslosigkeit – ein Lebensziel verfolgen, obwohl sie weiß, dass sie untergeht.“ Die Rolle würde sie auch heute „unbedingt interessieren“.

Fleißig und ehrgeizig

Während Kassandra die Zukunft fürchtet, freut sich Meret Schande darauf. In dieser Rolle war Christina Scherrer schon 2017 einmal zu sehen, in der Tatort-Folge „Schock“. Sie trat als arbeitsame Kriminaltechnikerin neben Harald Krassnitzer, Adele Neuhauser und Thomas Stipsits buchstäblich ins Scheinwerferlicht. 2020 stieg Stipsits alias Fredo Schimpf nach acht Jahren Tatort aus. Die Stunde schlug für Meret Schande, nunmehr als Kriminalassistentin eine weitere starke Frau neben Majorin Bibi Fellner (Neuhauser) sowie Oberstleutnant Moritz Eisner (Krassnitzer). „Meret ist eine junge, zielstrebige Assistentin, die den Job kann“, beschreibt Christina Scherrer ihre Figur. „Sie kann noch nicht ganz damit umgehen. Eine Leiche siehst du nicht alle Tage, das macht etwas mit dir.“ Die Dreharbeiten für zwei neue Tatort-Folgen starteten letzten Juni. „Die Amme“ wurde erstmals am 14. März 2021 im ORF ausgestrahlt und erzielte stolze 31 Prozent Marktanteil in Österreich, am Palmsonntag folgten ARD (8,65 Mio. Zuseher) und SRF.

Schnell und schnippisch

Die nächste Folge „Verschwörung“ soll voraussichtlich im Juni 2021 gesendet werden. Meret Schande hat darin mehr mit dem Fall zu tun als in den bisherigen Folgen. „Sie ist zackig und schnell, macht schnippische Kommentare“, erzählt Christina Scherrer, die sich in vielen Eigenschaften ihrer Figur wiederfindet. „Die Entwicklung ist offen, das kann immer mehr werden, auch Verfolgungsjagden und Schlägereien.“ Scherrer hat privat Schwertkampf gemacht, jetzt auch Nahkampf und Schießen trainiert und weiß: „Die Skills für die Entwicklung der Figur sind jedenfalls da.“ Denn in über 50 Jahren Tatort haben sich Rollenbilder und Anforderungen enorm entwickelt.

 

 

Vom einsamen Wolf zum offenen Team

 

Die frühen Tatort-Ermittler waren alle Einzelkämpfer. Am 29.11.1970 lief die erste Folge „Taxi nach Leipzig“ mit dem Hamburger Kommissar Paul Trimmel (Walter Richter) im „Deutschen Fernsehen“. Bis heute geblieben ist die legendäre Titelmusik von Klaus Doldinger, einst mit dem jungen Udo Lindenberg am Schlagzeug. 1978 spielte Nicole Heesters als Mainzer Kommissarin Marianne Buchmüller die erste weibliche Hauptrolle. Seit den Neunzigerjahren ermitteln Duos, die längst dienenden in München und Köln, seit der Jahrtausendwende arbeiten größere Teams. Heute werden die Ermittlungen an vier Schauplätzen der Serie rein weiblich, an vier rein männlich geführt. Das Geschlechterverhältnis der anderen Teams ist ausgewogen, wobei sich nicht nur die Figuren, sondern auch ganze Produktionsorte immer wieder verändern.

 

Seit 1971 ist auch Österreich dabei. Zum Einstieg wurde einfach die bestehende Serie „Oberinspektor Marek“ mit Fritz Eckhardt in die Tatort-Reihe eingegliedert. In Christina Scherrers Geburtsjahr gab der spätere Oscar-Preisträger Christoph Waltz den Wiener Revierinspektor Herbert Passini in „Wunschlos tot“. Ab 1999 löste Harald Krassnitzer als Moritz Eisner 24 Fälle im Alleingang. Seit 2011 arbeitet er mit Adele Neuhauser als Bibi Fellner zusammen, und seit Eisners 50. Fall ist Christina Scherrer fix als Assistentin Meret Schande mit von der Partie.

Lust auf neue Inhalte

Vor dem Tatort-Engagement arbeitete Christina Scherrer in kleineren TV-Produktionen sowie Kurzfilmen mit. „Filmschauspielen war für mich noch gar nicht so präsent. Dann kamen Castings, auch für den Tatort“, blickt Scherrer zurück. „Theater und Film sind zwei unterschiedliche Jobs, ich kann es für mich nicht gewichten. Film fasziniert mich. Ich will das Genre noch mehr ausbauen in meinem Leben, wachse aber jetzt erst rein.“ Privat genießt sie Filme derzeit am liebsten mit Beamer und Leinwand als Heimkino-Erlebnis, etwa „Die Dohnal“ oder nach dem Tod von Regisseur Peter Patzak natürlich „Kottan“. Lieblingsfigur ihrer Kindheit war Pippi Langstrumpf. Traumrollen heute wären beispielsweise Elisabeth oder auch Lady Macbeth. Für Inspiration sorgen Freunde und Kollegen sowie aktuelle Jobs. „Welche Ausstellung, welches Buch gibt es zu meinem Thema? Es ist schön, dass ich mich immer wieder mit komplett neuen Inhalten auseinandersetzen muss und darf“, sagt Christina Scherrer.

Theater ist Vorreiter

Am 3. März 2021 hätte „Mit freundlichen Grüßen eure Pandora“ am Kosmostheater Wien Premiere gehabt. Doch die Produktion musste auf Jänner 2022 verschoben werden. In diesem zugleich humorvollen wie radikalen zeitgenössischen Stück öffnet eine Genforscherin die legendäre Büchse der Pandora. Bald suchen fünf facettenreiche Frauen nach der absoluten, gelebten Gleichberechtigung, darunter Sängerin Joanne (Scherrer). „Theater hat sehr viel Kraft, etwas in Menschen zu bewegen“, betont Christina Scherrer. Kritisches Theater könne auch einen starken Einfluss auf die Massen-Unterhaltung haben. „Theater setzt sich sehr stark damit auseinander. Theater ist Vorreiter, probiert neue Dinge zu erforschen. Wenn es funktioniert, wird es von den Massenmedien aufgegriffen. Die freie Theaterlandschaft geht noch mehr Risiko ein.“ Scherrer war selbst jahrelang im Vorstand der Interessengemeinschaft Freie Theaterarbeit (IGFT) und kritisiert schwierige Zustände, Prekariat, finanzielle Ungerechtigkeiten.

Mühlviertler Granitschädel

Engagement wird auch in ihrer Familie großgeschrieben. Gemeinsam mit anderen kämpfen Scherrers Eltern seit Jahren gegen die Abschiebung von Flüchtlingen, die in ihrer Heimatgemeinde Pfarrkirchen gut integriert waren. Scherrers Bruder Johannes initiierte mit einem Kollegen das regionale Klimaschutzprojekt „Mühlferdl“. An Standorten in derzeit 24 Mühlviertler Gemeinden stehen Elektroautos zum Verleih bereit. Christina Scherrer bezeichnet sich selbst als „Mühlviertler Granitschädel“ und erklärt: „Ich habe viele Produktionen selbst gemanagt und bin sehr stur, was die Umsetzung von Projekten betrifft.“ Planungen für heuer sind schwierig, realistisch ist zumindest der Kultursommer in Wien. „Ich möchte die Musik aufleben lassen, vielleicht ein kleines Album aufnehmen“, überlegt die Sängerin. Dazu könnte auch das Projekt „Scherrer + Prozorov“ mit dem Jazzmusiker Andrej Prozorov ausgebaut werden. „Ich schreibe seit Jahren viel Material, habe einen großen Stapel an Ideen“, sagt Scherrer. Ein spektakuläres Ereignis aus dem Leben ihrer Oma hat sie 2019 im Musikvideo „Rhumba 1961“ verarbeitet. Jetzt arbeitet sie an einem Drehbuch für die Geschichte und hat dazu ein Stipendium des Landes Niederösterreich bekommen.

Das schönste auf der Welt

Gegen Resignation oder Zukunftsangst hilft Christina Scherrer ein Zitat von Dario Fo, das ihren Weg geprägt hat: „Ich bin nicht mit der Idee zum Theater gegangen, Hamlet zu spielen, sondern mit der Ansicht, ein Clown zu sein.“ Neben Kritik etwa an Macht und Gesellschaft gelte es, den Humor nicht zu verlieren. „Ich finde, das ist die Aufgabe: andere Wege, andere Perspektiven zeigen, Inspiration geben – und auch unterhalten“, sagt Christina Scherrer. Dabei dürfe man sich selbst nicht allzu ernst nehmen. „Es ist das schönste auf der Welt, aber am Ende des Tages nur Theater.“ Auf die Schlussfrage, wo sie sich in zehn Jahren sieht, antwortet die charismatische Schauspielerin: „Glücklich blickend in die Vergangenheit, auf Projekte, hinter denen ich stehe. Sehr spannend fände ich, eine gute Komödie zu spielen oder international zu arbeiten, vielleicht auf englisch zu drehen.“ Ob die Seherin Kassandra wüsste, was die kommenden Jahre für die Kultur und ihre Protagonistinnen bringen?

 

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